Demeter, Hades und Persephone
Das Erdendasein ist zu Ende.
wenn wir alle – Weib UND Mann -
Große Mütter geworden sind.
Judith Jannberg
Als ich den Mythos in dem Buch von Karl Kerenyi las ("Die griechische Mythologie. Götter, Menschen, Heroen) viel mir als erstes auf, dass er den Titel "Hades und Persephone" bzw. "Der Raub der Persephone" trug, obwohl weder Hades noch Persephone die Hauptakteure des Geschehens waren. Meine erste Analogie war von der unreifen Mutter, die verzweifelt nach Aufmerksamkeit das Rampenlicht auf sich gerichtet haben muss, obwohl die Tochter diejenige ist, die im Mittelpunkt stehen sollte und der etwas bedrohliches und schicksalhaftes widerfährt. Dann las ich den Mythos im Buch von Robert von Ranke-Graves "Griechische Mythologie. Quellen und Deutung." Dort hieß er "Demeter und ihre Taten" und manifestierte Meine Gedanken bezüglich des Widerspruchs beim vorigen Titel. Hier war es vom Anfang an klar – es geht um Demeter, und das mütterliche Drama. Als dritte und letzte Fassung lies ich den Mythos auf bulgarisch im Buch von Roman Jozsef "Mythen", das ich von meiner Oma geerbt hatte. Dort hieß er "Demeter und Persephone". Die wahre Liebesgeschichte ist die zwischen Mutter und Tochter, der Mann steht ihnen nur im Weg und ist nicht nennenswert. Die Quelle aller drei Texte ist der Homerische Hymnus.
Ich entschloss mich daher den Titel meiner Arbeit nach allen drei Akteure zu benennen – als eine Analogie an der Dreifaltigkeit, die uns immer wieder begegnet, sobald wir in die Tiefe des Ursprungs gehen.
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Der Mythos
Persephone, die Tochter von Demeter, oft auch nur Kore (Mädchen) genannt, pflückte Blumen auf einer Wiese mit ihren Freundinnen, die Töchter des Okeanos. Als das unschuldige Mädchen eine magisch Duftende, wunderbare Narzisse sah und sie ebenfalls pflücken wollte, verzaubert von ihrer Aroma, öffnete sich die Erde, und Hades nahm sie mit seinem goldenen Wagen in seinem Reich, tief in die Unterwelt. Niemand hörte Persephones Geschrei nach Hilfe bis auf Hekate, die Mondgöttin und Helios, der Sonnengott.
Ihre Mutter, Demeter, suchte vergeblich nach ihr – sie war spurlos aus dieser Welt verschwunden. Neun Tage und neun Nächte wanderte sie mit brennenden Fackeln unermüdlich und suchte nach ihrer geliebten Tochter, bis sie Hekate, die silberne Mondgöttin traf, die den Schrei ihrer Tochter vernommen hatte und sie zu Helios, dem Allsehenden, führte. Von ihm erfuhr Demeter was ihrer Tochter widerfahren ist – Zeus selbst gab Hades sein Einverständnis und nun wurde Persephone mit seinem Bruder, der Herr der Unterwelt, vermählt. Helios versuchte Demeter zu trösten, da ihre Tochter immerhin ein würdiger Mann als Gatte gekriegt hatte und nun Königin von einem Drittel der Welt wurde. Diese Tatsache verringerte Demeter`s Schmerz kein bisschen. Sie kleidete sich schwarz, nahm Gestalt einer älteren Frau an, verließ Olympos und ging als Sterbliche unter den Menschen. Und so kam sie in den Palast des Keleos, König von Eleusis. Am Jungfraubrunnen setzte sie sich im Schatten eines Ölbaums und begegnete die vier Königstöchter Kallidike, Kleisidike, Demo und Kallithoe. Sie erkannten die Göttin nicht, jedoch spürten sie ihre Besonderheit und wünschten sich, sie würde mit ihnen in den Palast kommen und dort eine Arbeit finden. Demeter erzählte den Mädchen eine erfundene Geschichte – sie sei von Seeräubern in Kreta entführt, schaffte es aber, ihnen zu entkommen. Nun bräuchte sie Unterstützung. Die Mädchen holten sich das Einverständnis ihrer Mutter, Königin Metaneira, und führten die Fremde zu ihr in den Palast. Die Königin hatte einen spätgeborenen Sohn, um ihn sollte sich Demeter kümmern.
Als die Göttin Metaneira`s Gemach überschritt, konnte die Königin ihr göttliches Licht nicht übersehen und sie wurde erfüllt mit Ehrfurcht und Staunen. Demeter weigerte sich, Platz zu nehmen, bis ihr die Dienerin einen Schemel hinstellte und einen Schafpelz darüber warf. Die Göttin blieb lang schweigsam und voller Trauer, bis sie die Dienerin zum Lachen brachte und ihre Seele wieder heiter wurde. Demeter verweigerte den Wein, der ihr angeboten wurde, statt dessen verlangte sie, man möge für sie Gerste mit Wasser mischen und mit Minze versüßen. Nun wurde sie von der Königin begrüßt, die ihr ihren spätgeborenen, nicht mehr erhofften Sohn Demophoon vertraute.
Demeter pflegte das Kind im Palast, es wuchs stark und sah von Tag zu Tag einem Gott ähnlicher. Sie salbte es mit Ambrosia, hauchte es mit süßem Atem ein und legte es jeden Abend ins Feuer, den so sollte es Unsterblichkeit erlangen. Dieses Schicksal blieb aber Demophoon fern, denn eines Nachts sah Metaneira, wie ihr Sohn in Feuerflammen gehalten wurde, erschrak und unterbrach Demeter`s Tat mit ihrem Schrei. Die Göttin wurde von Zorn überwältigt und zeigte sich in ihrer blendenden Ursprungsgestalt. Dank der Königin`s Beschränktheit und Unwissenheit wird ihr Sohn dem Verfall nicht entkommen, er wird ein Sterblicher bleiben. Nun verlangte Demeter, dass ihr das eleusinische Volk ein Tempel baut, mit einem Alter davor und einem schönen Tanzplatz. Dann kann die Göttin den Menschen ihre heiligen Gebräuche lehren, damit sie sie ewig verehren und ihren Zorn mildern können. Keleos rief das Volk zusammen und Demeter`s Befehl wurde Realität.
Nun wurde Demeter von ihrer Trauer erneut überwältigt. Sie saß in ihrem Tempel und war trostlos. Der erwachte Schmerz nach ihrer verlorener Tochter wurde zu Zorn und sie schickte der Menschheit ein schreckliches Jahr, indem sie alle Samen in die Erde zwang und nichts mehr gedeihen lies. Nicht nur die Menschen wurden in ihrer Existenz bedroht, auch die olympischen Götter verloren ohne die Opfergaben der Menschen ihre Macht und Bedeutung. Nun konnte Zeus Demeter`s Kummer nicht mehr ignorieren. Zuerst schickte er Iris, die sanfte Regenbogengöttin zu ihr. Nur weder sie, noch eine andere selige Gottheit konnten Demeter trösten. Daher Schickte Zeus Hermes in die Unterwelt, um Hades zu überreden, seine Gemahlin Persephone ans Licht zu ihrer Mutter zu schicken, damit ihre Wut gelöscht wird und die Erde wieder gebären kann. Hades stimmte dies überraschend leicht zu, und lachte zu Persephone – er will ihr kein unwürdiger Gatte sein, sie braucht nach ihrer geliebten Mutter nicht mehr trauern, denn sie wird sie bald wieder sehen. Beim Abschied reichte Hades Persephone von hinten einen süßen Granatapfelkern – sie aß ihn und blieb somit für immer mit dem Unterreich verbunden – immer wenn sie zurück kehrt, wird sie dort herrschen. Dann führte Hermes Persephone mit dem goldenen Wagen zurück in die obere Welt – in den Tempel ihrer Mutter. Beide umarmten sich voller Freude, dann fragte Demeter ihre Tochter, ob sie im unteren Reich was gegessen hat. Denn dann müsste sie ein Drittel des Jahres bei ihrem Gemahl verbringen und die restlichen zwei Drittel bei ihrer Mutter. Somit wird Persephone im Winter zu ihrem Königreich kehren und im Frühjahr zurück zu ihrer Mutter. Demeter war nun besänftigt und glücklich, mit ihrer Tochter vereint zu sein und lies die Erde wieder gedeihen. Bevor sie gemeinsam mit Persephone ihren Platz in Olymp nahm, ging sie zu Eleusis und weihte den Königen in den Geheimkult ein, den weder preiszugeben, noch auszusprechen, noch zu hören erlaubt ist. Selig ist der Mensch auf Erden, der mit dem Mysterium vereint wird.
II. Versuch einer analytischen Deutung
So könnte die Psyche jene Existenz sein, in der sich das „Jenseits“ oder das „Totenland“ befindet. Das Unbewusste und das Totenland sind in dieser Hinsicht Synonima.
Da das Unbewusste infolge seiner Zeit-Raum Relativität bessere Informationsquellen hat als das Bewusstsein, welches nur über die Sinneswahrnehmungen verfügt, sind wir in Bezug auf unseren Mythos vom Leben nach dem Tode auf die spärlichen Andeutungen des Traumes und ähnlicher Spontanmanifestationen des Unbewussten angewiesen.
(C.G. Jung „Erinnerungen, Träume, Gedanken“).
An dieser Stelle des Schreibprozesses hatte ich einen Traum, der mich sehr bewegte.
Ich beobachtete eine Krippe, ähnlich wie in der Bibelszene von Jesus` Geburt. Drinnen lag eine Statue von der heiligen Maria, Jesus` Mutter. Neben ihr lag eine kleine, dünne, hell grüne Schlange. Die Schlange umwickelte langsam die Statue und verschlang sie. „Jetzt wird sie sich selbst aufessen“, sagte ich laut, und dachte sie wird sich somit komplett auflösen und aufhören (sichtbar) zu existieren. Die Schlange biss sich in den Schwanz und wurde zu einem Urouboros. Nun war sie keine Schlange mehr, sondern ein größerer Salamander, oder ein kleiner Drache. Er schaute mich mit seinen gelb-grünen Augen an. Sein Blick war zufrieden und demütig, wie von einer glücklichen, satten Welpe. Ich erwach.
Die heilige Maria ist für mich eine christliche Gestalt, die von vielen Aspekten der Weiblichkeit beraubt wurde. Ohne Recht auf Sinnlichkeit und Sexualität, reduziert auf Unschuld und Gebärfähigkeit. Nun wird diese sehr patriarchal gestaltete Figur von einem Ursymbol des Weiblichen, der Schlange, verschlungen. Ein Symbol, der im Christentum der Sünde gleich war. Ich empfand es nicht als ein gewalttätiger Akt, sondern als eine Reintegration des Weiblichen in all seiner Vielfalt – die Gottes Mutter kam „nach Hause“, zurück zu ihrem Ursprung, geheilt von der patriarchalen Kastration. „Die „alte Schlange“, wie sie in der jüdisch-christlichen Tradition genannt und mit dem Teufel gleichgesetzt wird, ist die Große Lebensmutter selbst. In Gestalt einer Schlange verkörpert die Göttin in ihrem lunaren Aspekt – ihrem Yin – die chthonischen Mächte der Erde und der Wasser, die Kräfte der Unterwelten, der Dunkelheit und des Todes. In ihrem solaren Aspekt – ihrem Yang – als Luft- und Feuerkraft, ist sie die „gehörnte Schlange“ und steht hier für Weisheit und Erkenntnis.“ (Gertrude Croissier, „Psychotherapie im Raum der Göttin. Weibliches Bewusstsein und Heilung“).
Ich brachte den Traum sofort in Verbindung mit dem Mythos, der mich gerade beschäftigte. Ingird Riedel schreibt in ihrem Buch „Demeter`s Suche“, „dass der Mythos am historischen Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat entstanden sein muss.“ In meinem Traum wurde dieser Übergang rückgängig. Die unschuldige, jungfräuliche Kore vereinte sich mit ihrer sinnlichen Mutter, die keine Scheu hat, ihre Schattenseite zu zeigen.
Ich möchte nun versuchen die Hauptfiguren im Mythos subjektstufig zu analysieren, als Anteile einer Gestalt, die ihre Unschuld, ihre Sexualität, und ihren Schatten finden und leben will.
Zu Beginn wird Persephone, das junge unschuldige Mädchen, von der „Duft“ des Unbewussten gelockt und gewaltsam (zumindest scheint es so) von Hades, einer reifen, autoritären und machtvollen männlichen Gestalt, die in der „unteren“ Welt herrscht, entführt. Sein Reich kann ohne eine weibliche Präsenz nicht vollkommen sein. Ähnlich wie Eva, die vom Apfel der Erkenntnis unbedingt kosten musste, und einen Preis dafür zahlte, wird Kore durch ihre Neugier und durch ihre Sinnlichkeit in den Reich von Hades gelockt. Die schicksalhafte Berührung der gelben Narzisse versetzt sie in eine andere Realität und verändert irreversible ihr Leben.
„Im Gegensatz zur Kirche bewertete die Gnosis Evas Griff nach der verbotenen Frucht der Erkenntnis nicht als verdammungswürdige Tat, sondern als zutiefst verehrungswürdiges Handeln, das sie als Tochter der Weisheit auswies.“ („Maria Magdalena. Apostelin der Apostel“ Christa Mulack). Die duftende Narzisse konnte als Persephone`s Apfel der Erkenntnis interpretiert werden, der ihr ermöglicht, ein tieferes Wissen zu erlangen und somit zu ihrer wahren Größe zu wachsen. Zuerst begegnet sie ihren Schatten und wird von ihrer nährenden, mütterlichen Seite gewaltsam getrennt. Tochter und Mutter müssen einzeln ihren Weg gehen und reifer werden, bevor sie wieder vereint werden können und eine bereichernde Beziehung leben können.
Die gelbe Farbe der Narzissen hat in der alchemistischen Lehre eine besondere Bedeutung – sie hat „...eine auslösende und gefahrvoll-schöpferisch in Gang setzende Wirkung, (…) ist Symbol der Ewigkeit und Unsterblichkeit geworden.“ (Ingrid Riedl „Farben in Religion, Gesellschaft, Kunst und Psychotherapie). Die Interesse an der Blume wirkt als Katalysator und bringt das Geschehen in Gang. Mich beschäftigte die Frage, wieso die Geschichte ab diesem Moment nur Demeter`s Drama verfolgt – was in dieser Zeit Persephone erlebt, bleibt ein Geheimnis...
Demeter, die reife, fruchtbare, sexuelle weibliche Kraft bleibt „oben“, in der materiellen, sichtbaren Realität und fühlt sich ihres Mädchentums, ihres Zukunfts beraubt. Sie verfällt in eine Depression, gibt ihren göttlichen Status auf und verwahrlost. Sie versucht sich abzulenken, indem sie sich unter Menschen mischt und nach einem Neuanfang sucht, in einem Alltag, wo auch der Animus in einer nicht bedrohlichen, unschuldigen Form anwesend ist. Sie findet in Demophoon ein „Ersatzkind“ (I.Riedel) das sie unsterblich machen will und somit für immer vom Hades`Reich fern halten will. In seinem Buch „Der Weg der Seele“ beschreibt Edward Edinger das Ritual des „Feuerbadens“ als einen Teil des alchemistischen Prozesses Calcinatio: „Unsterblichkeit ist eine Eigenschaft der Archetypen. Die psychologische Bedeutung des Feuerbades der Unsterblichkeit wird es demnach sein, dass eine Verbindung zwischen dem Ich und der archetypischen Psyche hergestellt wird, wodurch sich jenes seiner transpersonalen, ewigen oder unsterblichen Seite bewusst wird.“ Durch dieses sakrale Ritual versuchte die Mutter eine Brücke zu der Welt zu schlagen, wo ihre Tochter gefangen ist. Eine Brücke zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, zwischen ihrer Anima und Animus.
Als Demeter bei diesem Prozess der Vereinigung unterbrochen wird, nimmt sie in ihrem Zorn ihre wahre göttliche Größe an, wird aber gleichzeitig an ihre Trauma, an ihre Unvollkommenheit erinnert – ihr fehlt die Unschuld, die Zukunft, das Mädchenhafte. Ein Teil von ihr wurde ihr gewaltsam genommen und dort gebracht, wo sie keinen Zugang hat. Jetzt sucht sie keine Ablenkung mehr, sondern gibt ihren Schmerz einen Ausdruck, indem sie ihre mütterliche, nährende Seite verweigert und destruktiv und vernichtend wird – sie bringt den Totenreich auf die Erde. Sie ladet das Unbewusste in der physischen Welt ein, es darf herrschen und bestimmen. Erst dann wird auch ihr Anliegen ernst genommen. Erst dann wird sie mit ihrer Tochter vereint und das Frauenbild wird vollkommen – den es beinhaltet die Unschuld und die Sexualität, das Schöpferische und Das Vernichtende, das Nährende und das Zerstörende, die Freude und den Zorn, das Licht und den Schatten, das Mädchen und die Schlange. Das Weibliche ist nicht nur in seinem sanftmütigen, schöpferischen Erleben eine Bereicherung und eine Notwendigkeit. Denn ohne Tod gäbe es keine Geburt, ohne Verwesung keine Frucht und ohne Zorn und Zerstörung keine Freude und Schöpfung. Das ewige Leben wächst über den Tod hinaus, dennoch fordert jede Verwandlung ein Opfer, das uns oft auf den ersten Blick als einen bitteren Verlust erscheinen mag.
Persephone nimmt vor ihrer Abreise einen Granatapfelkern zu sich – einerseits symbolisiert er Sexualität und Fruchtbarkeit, somit integriert die Tochter bereits im Unbewussten Qualitäten der Mutter, mit der sie sich sehr bald wieder in der oberen, bewussten Welt vereinen wird. Andererseits ist der Granatapfel in seiner Beschaffenheit eine Abbildung der kollektiven unbewussten Realität – wir sind alle kleine Kerne, die im großen Ganzen nebeneinander existieren und vom kollektiven Wissen schöpfen können und davon genährt werden. Denn die Kräfte des Unbewussten sind sowohl universell, als auch persönlich. Der Kern ist der Schlüssel, der Persephones Zugang zu dem Unbewussten sichert – er wird ihr von ihrem Animus, ihrer männlichen Schattenseite übermittelt.
Die gelbe Narzisse, die aus der nährenden Erde, aus der großen Mutter wächst, öffnet die Welt des Unbewussten und ermöglicht Persephone, ihren Animus näher zu kommen. Der rote Granatapfel bringt sie zurück zu ihrer Anima, vereint sie mit ihrer Sexualität und irdischen Vitalität. „Weibliche Rot-Symbolik ist in erster Linie verbunden mit dem Erlebnis des Körpers, der ja von dem roten Blut, das ihn durchströmt, seine Farbe hat. Damit wird Rot dann im übertragenen Sinn die Farbe des Leiblichen, des Irdischen und des Mütterlichen. (…) Das vitale Mysterium also glüht rot, wenn auch versteckt in den Tiefen der Dunkelheit sowohl der Erde als auch des Körpers, in den Adern, im Herzen, von wo die Libido als zentrale Lebensenergie ausgeht. Und so versteht man Rot als Farbe des Eros, des Sexus, der Verbindung und der Verbundenheit überhaupt.“ (Ingrid Riedel „Farben in Religion, Gesellschaft, Kunst und Psychotherapie“). Die dauerhafte Verbindung zum Unbewussten ist durch den roten Granatapfelkern hergestellt, der verbindet aber gleichzeitig mit der physischen, sinnlichen, nahrhaften Welt des Bewusstseins. Die Wiederkehr ins Reich des Unbewussten ist gesichert. Für die Rückkehr ins Bewusstsein braucht Persephone eine Begleitung - die Kräfte vom Hermes bringen sie zurück zu ihrer vermissten Mütterlichkeit. „Wenn die transzendente Funktion, die gegensatzvereinigende, in Aktion tritt – und Hermes verkörpert sie - , dann kann Leben wieder fruchtbar werden. Wenn irgendeiner, vermag es Hermes, oben und unten, die himmlischen und die chthonischen, die weiblichen und die männlichen Gottheiten – wie auch die entsprechenden Anteile und uns selbst- zu verbinden.“ (Ingrid Riedel, „Demeter`s Suche, S.56).
Durch Persephone`s Reise in die Unterwelt und Demeter`s Erlebnisse in der „oberen“ Welt sind Mutter und Tochter vollkommener geworden, haben wichtige Schattenaspekte integriert. Beide Figuren begegnen sich auf eine neue Ebene. Nun kann der Tod bzw. das Unbewusste auf eine freiwillige, rhythmische und konstruktive Art und Weise weiter gelebt werden. Demeter, die Schlangenkraft, kann sich mit ihrem Anteil, der die Geheimnisse des Unbewussten bewahrt, vereinen. Persephone kann in der oberen Welt den Kontakt zu ihrer Sinnlichkeit und Mütterlichkeit wieder herstellen, um ihren Animus im Unbewussten schöpferisch und vollkommen begegnen zu können.
Persephone wird in diesem Sinne auf eigene mystische Art zwischen Gegensätzen gekreuzigt – zwischen Himmel, Erde und Unterwelt. Sie darf in mehreren Realitäten leben und diese verkörpern. Sie hat sowohl im Himmel, Olymp, als auch auf der Erde, in ihrem Tempel, und in der Unterwelt, wo ihr Animus auf sie wartet, ihren göttlichen Platz und ihre schicksalhafte Bestimmung. Mit der Metapher der Kreuzigung meine ich keinen gewaltsamen Akt, sondern Persephone`s Bereitschaft, die Gegensätze zu leben und zu vereinen.
III. Bezug zur heutigen Welt
“In sehr tiefen und notvollen inneren Prozessen rufen Menschen nicht nach ihrem Gott, nicht nach Heiligen oder Engelwesen, sondern nach ihrer Mutter”
Gertrude R. Croissier “Psychotherapie im Raum der Göttin”
Das christliche Frauenbild, das durch die heilige Maria vermittelt wird, ist in dem heutigen Frauen- und Mutterbild noch spürbar. Von einer Frau wird erwartet liebevoll, großzügig, opferbereit, ruhig und fromm zu sein und unbedingt eine Mutter werden zu wollen. Wenn eine Mutter nicht mehr sich, sondern ihr Kind im Mittelpunkt ihres Universums stellt, wird das nicht kritisch gesehen, sondern natürlich und lobenswert. In seinem Buch „Die Ketten der Mutterliebe“ (den Titel habe ich vom bulgarischen übersetzt, da ich keine deutsche Fassung gefunden habe) beschäftigt sich der russische Autor und Psychologe Anatoly Nekrasov mit den Schäden, die solch eine Lebenseinstellung nicht nur für einzelne Familien, sondern auch für die ganze Gesellschaft haben kann: „Die meisten Eltern sehen ihre Kinder als das Wertvollste in ihrem Leben. Das ist ein gewaltsamer Verstoß gegen die Naturregeln.(...) Wir kommen auf die Erde, um zu lieben – uns selbst, unseren Partner, andere Menschen, die Natur. Falls wir wollen, können wir uns für das Elternsein entscheiden – als Folge dieser Liebe, nicht als Hauptziel unseres Lebens.“
In diesem Zusammenhang würde ich Demeter`s Verhalten nach dem Verlust ihrer Tochter kritisch interpretieren. Denn der Mythos fokussiert sich auf ihr Leiden und ihren Weg. Sie als Mutter hat ihren Lebenssinn an ihrem Kind verknüpft und kann sich selbstständig nicht verwirklichen. Der Gedanke an Persephone`s Abwesenheit ist unerträglich. Dabei spielt für die Mutter keine Rolle, ob ihre Tochter mit ihrem Gemahl und in ihrem neuen zu Hause glücklich ist oder nicht. Das, was zählt ist, dass Demeter ohne Persephone nicht leben will. Diese Abhängigkeit ist die wahre Tragödie, die über das Schicksal der Tochter bestimmt. Ebenso spielt es für Demeter keine Rolle, ob Demphoon`s Eltern mit ihrem Vorhaben einverstanden sind – denn es geht ihr nicht wirklich um das Kind selbst, sondern um ihre eigenen Bedürfnisse der Selbstverwirklichung durch das Schicksal jemand anderer. Eltern können leicht in der Versuchung verfallen, ihre eigenen Wünsche und unverwirklichten Ziele auf ihre Kinder zu projizieren.
Persephone wird letztendlich 9 Monate bei ihrer Mutter und die restlichen 3 Monate bei ihrem Gatten verbringen – eine eher unausgewogene Zeitverteilung, so scheint mir... Die Ketten der Mutterbindung erweisen sich stärker als die erotische Beziehung zum Partner.. Jedoch finde ich diese 1:3 Konstellation in unserem alltäglichen Leben leicht wieder – wir Menschen wandeln wie Persephone durch die Welten. Nicht nur der Jahreszeitenwechsel, sondern auch unserer alltäglicher Rhythmus erinnert an dieser Dynamik. Wir verbringen 1/3 der Zeit im Schlaf, im Hades`Reich des Unbewussten und 2/3 im Wachzustand, in Demeter`s Reich der Materie.
Idealerweise werden wir in Ekstase gezeugt, die einen physisch Ausdruck sucht und eine Seele in die Materie einlädt. Wir reifen verschmelzt mit der „Quelle“ und leben auch nach unserer Geburt in einer innigen Bindung und Abhängigkeit von anderen, meistens der Mutter. Der Prozess der Charakterbildung und langsamen Trennung von der Quelle unseres Ursprungs ist oft keine leichte Aufgabe. Als ich mit achtzehn Jahren nach Österreich zum Studieren kam, war das für mich ein sehr dramatisches Trennungserlebnis. Meine Mutter sagte damals zu mir, dass wir Menschen im Leben zwei mal geboren und groß gezogen werden – einmal werden wir von unserer Mutter in die Welt gebracht und versorgt und erzogen von ihr und unserem Vater, und einmal müssen wir uns selbst gebären und lernen unsere eigenen Mutter und Vater zu sein. Die zweite Nabelschnur können nur wir selbst abschneiden. Ich war damals ein sehr ängstliches, unselbstständiges Kind und begriff einige Jahre später, dass diese Trennung, so schwer und langwierig sie auch war, mein Leben rettete. Ohne sie wäre die Versuchung des „Urouboros-Inzest der Selbstauflösung“ (Edward Edinger, „Der Weg der Seele“, S.69) für uns beide – mich und meine Mutter, schwer zu widerstehen. Ich fürchtete und mied lang den Kontakt zum Männlichen. Ähnlich wie Persephone, musste ich meine Angst überwinden, meine Sexualität entdecken, einen Partner in meinem Leben einladen, in anderen Worten den Granatapfelkern essen, damit ich meine Mutter selbstbewusster und souveräner begegnen konnte. Jetzt, 15 Jahre nach dieser für mich archetypischen Trennung von der bedeutendsten Frau meines Lebens, schöpfe ich von ihrer enormen Weisheit, ohne mich von ihr bedroht oder verschlungen zu fühlen.
Gerade weil Demeter ihre Wut in voller zerstörerischer Kraft ausleben konnte, passierte das Fruchtbare – die Eleusinische Mysterien wurden geboren und sie wurde mit ihrer geliebten Tochter vereint. Die Wut und die zerstörerische Kraft des Weiblichen wird oft unterschätzt und als hysterisch und unausgeglichen wahrgenommen, ihre schöpferischen Kräfte werden selten anerkannt. Diese einseitige Betrachtung spiegelt sich in unserer Beziehung zur Natur wieder. Gerade das Getreide, der nahrhafte Korn der Göttin, ist heutzutage das meist genmanipulierte Lebensmittel, gegen dessen immer mehr Menschen eine Unverträglichkeit entwickeln. „Die Korngestalt ist Gestalt des Ursprungs und des Ergebnisses, der Mutter und der Tochter, und sie weist eben dadurch über den Einzelfall hinaus auf das Allgemeine und Ewige. Es ist immer „das Getreide“ das in der Erde versinkt und wiederkehrt, das in seiner goldenen Fülle abgemäht wird und als volles, gesundes Korn doch heil bleibt, Mutter und Tochter in einem.“ (C.G. Jung, Karl Kerenyi „Das Göttliche Kind“). Das nicht mehr nahrhafte Getreide weist auf unsere unausgeglichenen, einseitigen Beziehung nicht nur zum Weiblichen, sondern zu unserer irdischen Realität allgemein. Wir haben mit unserer patriarchalen Einstellung versucht, unsere Urmutter, die Erde, zu dominieren und ernten zurzeit die Folgen dieses ungesunden Verhaltens. Der Tod wird gefürchtet und um jeden Preis gemieden und nicht mehr als einen wertvollen Aspekt des ewigen Kreislaufs der Natur anerkannt. Diese Angst macht es uns unmöglich, die Schätze und Freuden des irdischen Lebens zu genießen.
Der Dualismus des ewigen Lebens beinhaltet den schmerzhaften Verlust als Preis für die heilwirkende Wandlung. Wir müssen zuerst sterben, um Unsterblichkeit zu erlangen. Wir müssen etwas aufgeben, um etwas neues zu gewinnen. Wir müssen unsere eigene Wut, vor der wir uns selbst fürchten, akzeptieren und zum Ausdruck bringen, um einen Schritt näher an unser Selbst zu gelangen. Der Tod hat viele alltäglichen Erscheinungsformen, die, wenn als solche erkannt und gelebt, uns für den Verlust unseres Körpers vorbereiten können – der Schlaf/das Träumen, der Orgasmus/die Verliebtheit, die Trennung – von Menschen, Meinungen, Gegenständen... Diese Zustände können die Flexibilität unseres Selbst unterstützen und uns bei der Lösung innerer Konflikte helfen. Denn es wäre naiv zu glauben, Leben endet dort, wo die Materie verwest. Es wäre destruktiv, den Tod um jeden Preis vermeiden zu wollen, anstatt sich für ihn als eine neue Lebensphase vorzubereiten.
Wir leben in einer Welt, wo unsere Verwirklichung oft mühsam und langwierig erscheint. Diese Welt existiert jedoch nicht für sich alleine – sie ist die Reflexion einer Realität jenseits von Zeit und Raum, eine für den bloßen Verstand überwältigende Realität, versteckt hinter dem Vorhang des Unbewussten. Eine Realität der Tiefe, die in uns lebt und mit uns kommuniziert. Die Brücke zwischen dem Unbewussten und der Materie zu finden und ihre Bedeutung zu begreifen ist eine wichtige Aufgabe des heutigen Menschen, der gewohnt ist, hauptsächlich seinen Augen und Verstand Glauben zu schenken und der die Quelle der manifesten Realität, sowie die Größe seines Selbst vergessen hat.
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Für unsere Träume wach werdenSat, Oct 17Praxis am Schottenfeld